Vorwort

3Nichts ist so teuer wie Ausbildung

"Nichts ist so teuer wie Ausbildung  ausgenommen Unwissenheit"

Manfred Arnu

Vorwort

"Reform" ist ein Wort, das in vielen europäischen Ländern nahezu täglich in den Nachrichten zu hören ist warum sollte es in der Ukraine anders sein? In der heutigen Ukraine ist eine systemhafte und übergreifende Reformierung von ausschlaggebender Bedeutung.

Ein umgrenztes Gebiet mit Reformbedarf ist die juristische Ausbildung und Wissenschaft, was aber nicht zu dem Fehlschluss verleiten darf, dass dessen Reform nur einen begrenzten, vor allem rein wissenschaftlich-theoretischen Bereich betrifft: Mit den Absolventen und Absolventinnen der juristischen Fakultäten werden die künftigen Richter, Beamte, Rechtsprofessoren, Rechtsanwälte und Vertreter anderer juristischer Berufe ausgebildet. Es geht also um diejenigen, die den Staat und die Gesellschaft verwalten und gestalten.

Folglich müssen die Gedanken zur Reform der juristischen Ausbildung und Wissenschaft auf der Grundlage von praktischen und wissenschaftlichen Erfahrungen entwickelt werden. Ferner ist in der heutigen, von einer internationalen Wettbewerbssituation geprägten Welt, der Erfahrungsaustausch mit ausländischen Erfahrungs- und Wissensträgern unerlässlich.

Daher wurden durch die juristische Fakultät der Nationalen Taras-Schewtschenko-Universität Kiew unter Mitwirkung und dank Finanzierung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung der Bundesrepublik Deutschland ukrainische und deutsche Juristen mit unterschiedlichen Erfahrungen zu der Konferenz "Europäisierung der ukrainischen juristischen Ausbildung: deutsch-ukrainische Erfahrungen  /  Deutsch-ukrainischer rechtswissenschaftlicher Dialog (21. und 22. 11. 2014) nach Kiew eingeladen.

Das erste Ergebnis dieser Konferenz ist der Tagungsband mit den Vorträgen auf der Konferenz.

Mit diesem Weißbuch wird der nächste Schritt gemacht: Es ist die Zusammenfassung der Analysen und Kritikpunkte hinsichtlich der juristischen Ausbildung und Wissenschaft in der Ukraine und von vorgeschlagenen oder auf der Hand liegenden Reformschritten sowie eine diesbezügliche Informierung deutscher Experten. Das Buch besteht also aus zwei Teilen  einem großen ukrainischen Teil, der  zahlreiche  aus  dem  Deutschen übersetzte Hilfsmaterialien mitenthält und einem deutschen Teil,  in dem auf analytische Materialien beschränkt und auf öffentlich zugängliche Ausgangstexte verzichtet wurde.

Diese kritischen Feststellungen und Folgerungen des Weißbuches betreffen zwar nur die juristische Ausbildung und Wissenschaft, sie decken sich aber zum überwiegenden Teil mit denen, die in der vom Ministerium für Bildung und Forschung der Ukraine verantworteten Papier zur "Strategie zur Reform der universitären Ausbildung bis 2020" enthalten sind. Das bedeutet daher, dass die hier geäußerten Gedanken sich in das Gesamtkonzept zur Reform der universitären Ausbildung einfügen.

Dieses Weißbuch enthält aber auch umfangreiche Informationen aus dem Bereich der ausländischen juristischen Ausbildung und Wissenschaft. Es wurden Beispiele aus Deutschland, vorzugsweise Bayern gewählt, da hier sehr gründliche Regelungen vorliegen, die über viele Jahrzehnte verbessert wurden. Ferner wurde aus dem Lehrbuch von Thomas Mann und Peter J.  Tettinger "Einführung in die juristische Arbeitstechnik: Klausuren - Haus- und Seminararbeiten - Dissertationen" ein wichtiges Kapitel zum Thema "juristische Ausbildung und Wissenschaft in Deutschland" übersetzt. Das Ziel all dieser Quellen ist, den ukrainischen Lesern und Leserinnen die umfassende Information anzubieten, um deren eigenständige Reformarbeit zu unterstützen. Die Betonung liegt auf "eigenständige Reformarbeit", denn es gilt hier wie in anderen Bereichen der Erfahrungssatz, dass die ukrainischen Besonderheiten eine der entscheidenden Grundlagen der Reformen sein müssen und nicht eine ungeprüfte Übernahme von fremden Systemen. Denn das Ziel der Reformen soll nicht ein schöner äußerer Schein sein sondern eine neue ukrainische Ausbildungs- und Wissenschaftskultur.

Die Autoren und Herausgeber verstehen dieses Weißbuch als einen ersten Schritt, um in der Ukraine die Diskussionen um die Reform der juristischen Ausbildung und Wissenschaft zu befördern. Dass einzelne juristische Fakultäten schon einige der hier vorgelegten Schritte unternehmen, sehen die Autoren und Herausgeber als eine Bestätigung für ihre Arbeit. Doch ist das Ziel, die juristische Ausbildung und Wissenschaft in der Ukraine insgesamt zu unterstützen und keine Inseln des Fortschritts zu schaffen. Mit solchen "Inseln" hat das Land keine guten Erfahrungen gemacht und man hat daraus gelernt: entweder begreifen wir die Ukraine als "unsere" Angelegenheit oder lediglich als Territorium, auf dem wir zufällig und vorübergehend leben; wer Letzteres vertritt, dem kann in der Tat alles, was die Gesamtheit betrifft,  egal sein.